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Urlaub – für den einen Entspannung, für den anderen Stress.

Kategorie: Sommer: Tipps & Infos

Lesedauer: 8 Minuten

Veröffentlicht am:

Zu dem Thema „Gesund im Urlaub“ hat uns Charlotte Wenzel, Projektleiterin im Bereich Gesundheitsförderung und -management bei unserem Partner Company move, einige Fragen beantwortet. Vielen Dank dafür!

Warum setzen viele Menschen ihre Erwartungen an den Urlaub psychisch so stark unter Druck? Meiner Meinung nach erhoffen sich viele Menschen einen Ausgleich zum stressigen Alltag und idealisieren ihren Urlaub. Dabei spielen soziale Medien eine entscheidende Rolle, da sie häufig ein Bild vom "perfekten" Urlaub vermitteln. Diese idealisierte Darstellung entspricht jedoch nicht immer der Realität des Offline-Lebens. Gleichzeitig sind durch das Privileg, überhaupt reisen zu können, hohe Erwartungen entstanden. Die Auswahlmöglichkeiten, wie wir sie heutzutage gewöhnt sind, können zu Entscheidungsschwierigkeiten führen, die bereits vor der Buchung Druck erzeugen und zu Überforderung führen können. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen sich selbst auch im Urlaub unter Leistungsdruck setzen und die Zeit möglichst „optimal“ nutzen möchten. Dadurch entsteht der Anspruch, etwas Sinnvolles aus der freien Zeit zu machen. Selbst Entspannung wird dadurch teilweise bewertet und hinterfragt, was zusätzlichen Druck erzeugen kann.

Kann Urlaub psychisch auch belastend sein – und warum erleben manche Menschen gerade in dieser freien Zeit das Gefühl der inneren Unruhe?
Ja, denn es kann manchen Menschen schwerfallen, im Urlaub wirklich abzuschalten, da der Geist durch langanhaltenden Stress verlernen kann, zur Ruhe zu kommen. Ein Ortswechsel allein führt dabei nicht automatisch zu Entspannung, da die Gedanken oftmals mitreisen. Für andere kann eine fehlende Struktur im Urlaub belastend sein, da sie dadurch weniger Orientierung und Halt verspüren und sich innerlich rastlos fühlen. Auch Freizeitstress, den sich Menschen häufig selbst auferlegen, kann die innere Unruhe verstärken. Wichtig ist aus meiner Sicht zunächst, herauszufinden, was diese innere Unruhe auslöst, um dann zu reflektieren, was einem wirklich guttut. Die mögliche Erwartungshaltung loszulassen, sich im Urlaub unbedingt entspannen zu müssen, kann dabei bereits entlastend wirken. Selbst am schönsten Urlaubsort kann das gesamte System innerlich unruhig sein und gleichzeitig können wir lernen, Ruhe unabhängig von äußeren Bedingungen in uns selbst zu finden.

Welche Rolle spielt permanente Erreichbarkeit für die Fähigkeit unseres Gehirns, sich wirklich zu regenerieren?
Aus meiner Sicht spielt die permanente Erreichbarkeit eine große Rolle und kann nicht nur ein Risiko für die Fähigkeit unseres Gehirns, sondern für unsere ganzheitliche Gesundheit darstellen. Sie setzt das Gehirn in einen dauerhaften Alarmzustand, was langfristig die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und gesundheitliche Folgen begünstigen kann. Für eine effektive Regeneration sind Phasen des Nichtstuns und der Erholung erforderlich, in denen das Gehirn Erlebtes verarbeitet, Informationen ordnet und Energie wieder aufbaut. Schlaf allein reicht dafür nicht aus. Ich lege daher jedem Menschen ans Herz, bewusst digitale Auszeiten einzuplanen. Das können digitalfreie Zonen im eigenen Zuhause oder feste Zeiten ohne Smartphone sein. Auch Entspannungsübungen wie die progressive Muskelentspannung oder Atemübungen können helfen, dem Gehirn und insgesamt unserem System gezielt Ruhe und Erholung zu ermöglichen. Nach dem Motto „Disconnect to connect“.

JOMO statt FOMO – ein ergänzender Gedanke
Ein zusätzlicher Gedanke, der mir in diesem Zusammenhang am Herzen liegt, ist die Frage, wie wir mit ständiger digitaler Vergleichbarkeit umgehen. Ich möchte dazu ermutigen, mehr nach dem Prinzip JOMO zu leben als nach FOMO. JOMO ist ein Akronym und steht für “the joy of missing out”, also die Freude daran, Dinge bewusst nicht zu tun. FOMO hingegen beschreibt die “fear of missing out”, die Angst, etwas zu verpassen. Durch die ständige Erreichbarkeit und das Teilen privater Erlebnisse, besonders in sozialen Medien, kann schnell der Eindruck entstehen, dass man ständig etwas verpasst. Gleichzeitig werden uns Inhalte und Lebensstile präsentiert, die scheinbar erstrebenswert sind und denen man „entsprechen“ sollte. An dieser Stelle lohnt sich eine bewusste Selbstreflexion: „Was tut mir wirklich gut?“, „Woran habe ich Freude, auch unabhängig von digitalen Geräten und äußeren Erwartungen?“. Wir dürfen wieder stärker ins eigene Fühlen kommen, anstatt uns von äußeren Meinungen und fremden Erwartungen leiten zu lassen.

Warum merken viele Menschen erst im Urlaub, wie erschöpft sie eigentlich sind?
Hier fällt mir das Phänomen der „Leisure Sickness“ ein. Es beschreibt, dass Menschen im Urlaub oder an freien Tagen plötzlich Erschöpfung oder sogar Krankheitssymptome entwickeln. Aus meiner Sicht lässt sich das gut über die Prozesse unseres Körpers erklären. Während wir arbeiten und Leistung erbringen, ist unser System auf Aktivierung eingestellt. Der Sympathikus des vegetativen Nervensystems sorgt dafür, dass wir leistungsfähig bleiben. Dabei werden unter anderem Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet. Sobald diese Belastung im Urlaub oder bereits in kurzen Ruhephasen entfällt, wird der Parasympathikus als Teil des Entspannungssystems aktiv. Der Stresshormonspiegel sinkt und das Immunsystem reagiert auf diese Umstellung. Im Austausch mit Menschen in meinem Arbeitsalltag nehme ich zunehmend wahr, dass viele sich an ein hohes Maß an Stress und Anspannung gewöhnen. Der Körper bleibt in einem Zustand dauerhafter Aktivierung, sodass Erschöpfung oft weniger bewusst wahrgenommen und teilweise verdrängt wird. Dadurch schaltet sich häufig ein „Autopilot-Modus“ ein, den viele Menschen erst im Urlaub ausschalten können und dann bemerken, wie erschöpft sie tatsächlich sind.